7 Tage Alpenüberquerung 2026 | © DAV Sektion Fulda

Eine Alpenüberquerung in 7 Tagen

21.07.2026

... oder: Wie man in einer Woche schwitzt, kaum noch kann, Schnee stapft, Muren umgeht und trotzdem ständig lacht.

7 Tage. 6 Hütten-/Pensionsnächte. Drei Länder. Unzählige Höhenmeter. Eine Gruppe. Und erstaunlicherweise kamen am Ende alle heil - und sogar gut gelaunt - in Meran an.

Los ging es in Oberstdorf. Eigentlich ganz entspannt. Dachten wir jedenfalls. Doch die Deutsche Bahn wollte uns überraschen und war tatsächlich pünktlich - sogar so pünktlich, dass wir eine Stunde früher als geplant starten konnten. Ein Ereignis, das vielleicht häufiger vorkommt als ein Sechser im Lotto, uns aber dennoch überrascht hat. Also Rucksack auf und los. Die Sonne hatte offensichtlich beschlossen, unsere Alpenüberquerung persönlich zu begleiten und heizte Oberstdorf mit deutlich über 30 Grad ordentlich ein. Der Aufstieg zur Kemptner Hütte wurde damit zur ersten Charakterprüfung. Schon nach wenigen Kilometern war klar: Der Schweiß würde unser treuester Begleiter werden.
Auf der Hütte angekommen, waren wir uns alle einig: Berge sind einfach toll. Beim ersten Hüttenabend saßen wir draußen bis spät in den Abend hinein, genossen die lauen Temperaturen und stellten fest, dass wir uns verstehen. Ein gutes Zeichen - schließlich lagen noch sechs gemeinsame Tage vor uns.
Die beste Nachricht des Tages kam aber erst später: Im Vorfeld hatten Berichte über Bettwanzen auf den ersten beiden Hütten für leichte Nervosität gesorgt, aber zum Zeitpunkt unserer Ankunft waren die kleinen Untermieter verschwunden. Selten wurde eine Matratze so dankbar in Besitz genommen, wie die ersten zwei Nächte. Manchmal besteht echtes Bergsteigerglück eben nicht aus Gipfeln, sondern aus einer ruhigen Nacht ohne Mitbewohner mit sechs Beinen.

Am nächsten Morgen zeigte sich der Himmel etwas gnädiger. Es stand der berühmte Auf-und-ab-und-wieder-auf-Tag zur Memminger Hütte an. Natürlich hätten wir es uns einfacher machen können. Es gibt schließlich Wandertaxis. Aber wir hatten ja einen Plan – beziehungsweise Stolz. Also liefen wir den kompletten Weg, marschierten konsequent über den Lechweg an Holzgau vorbei und ignorierten sämtliche Versuchungen motorisierter Fortbewegung. Ganz nach dem Motto: "Wer freiwillig eine Alpenüberquerung macht, darf hinterher nicht jammern."
Beim langen Zustieg zum eigentlichen Aufstieg erwischte uns dann doch noch ein Gewitter. Zum Glück waren die Temperaturen angenehm, sodass wir eher geduscht als gequält wurden. Oben angekommen wartete die Belohnung: die erste Zirbe der Tour. Wissenschaftlich ist bis heute nicht geklärt, warum Zirbenschnaps nach einem langen Wandertag ungefähr dreimal so gut schmeckt wie zuhause.

Der nächste Tag begann mit dem Aufstieg zur Seescharte, na klar waren da wieder Steinböcke, und führte anschließend in einem gefühlt endlosen Abstieg nach Zams. Von dort ging es per Bus nach Wenns. Pizza auf dem Teller, Getränk in der Hand, draußen tobte ein beeindruckendes Gewitter - schöner kann man schlechtes Wetter kaum erleben. Bis unser Wirt beiläufig erwähnte:

"Ach übrigens... im hinteren Pitztal gab's schwere Murenabgänge. Da kommt ihr morgen nicht mehr durch."
Stille.
Irgendjemand hoffte vermutlich noch auf einen Scherz.
War aber keiner.

Am nächsten Morgen bestätigte sich die Nachricht. Die Straße war gesperrt. Der Bus fuhr nicht weiter. Die offiziellen Absperrungen erklärten uns freundlich, aber bestimmt, dass hier Schluss sei. Nach diversen Hindernissen erreichten wir tatsächlich recht locker das andere Ende des Chaos. Dort wartete - hervorragend organisiert - unser selbst bestelltes Wandertaxi und brachte uns nach Mittelberg.
Bilanz des Tages:
Nur etwa anderthalb Stunden Verzögerung.
Gefühlt:
Mindestens Crokodile Dundee.

Der anschließende Aufstieg zur Braunschweiger Hütte war mühsam, aber beeindruckend. Gewaltige Wassermassen schossen aus den Gletschern talwärts und erinnerten eindrucksvoll daran, welche Kräfte hier wirken. Nach einer ordentlichen Gulaschsuppe war allerdings noch lange nicht Schluss. Weiter ging es über das Rettenbachjoch. Dahinter machte sulziger Schnee den Abstieg zu einer Mischung aus Wandern, Rutschen und kontrolliertem Stolpern. Unten an der Bergsteigerkapelle angekommen fühlten sich die Beine bereits angenehm hohl an. Doch wer glaubt, jetzt sei Feierabend gewesen, kennt unsere Tourenleiterin nicht. Mit dem Bus ging es durch den Rosi-Mittermaier-Tunnel und anschließend über einen traumhaften Panoramaweg weiter nach Vent. Irgendwann hörte man auf, die Höhenmeter zu zählen oder auf die Uhr zu schauen... Eine Zirbe am Abend war diesmal keine Option mehr, sondern medizinisch dringend erforderlich. Die Pension Wildspitz entschädigte anschließend mit hervorragender Gastfreundschaft und ausreichend Betten für erschöpfte Bergsteiger. 

Der Wetterbericht für den nächsten Tag war allerdings alles andere als einladend. Also wurde spontan umgeplant. Der Saykogel verschwand aus dem Programm und stattdessen ging es direkt hinauf zum Hochjochhospiz. Eigentlich wollten wir dort noch einen Gipfel mitnehmen. Eigentlich. Der Hüttenwirt betrachtete kurz den Himmel und sagte trocken: "Das wird heute nichts mehr." Wenn ein Hüttenwirt das sagt, diskutiert man nicht. Also taten wir das einzig Vernünftige:
Wir sangen.
Es wurde Gitarre gespielt.
Es wurde gespielt und gelacht.
Es wurden einige ausgesprochen köstliche Schnäpse verkostet.
Die Stimmung stieg ungefähr im gleichen Tempo wie draußen der Regen fiel.
Das Ergebnis war bemerkenswert: Eine ausgesprochen fröhliche Gruppe. Eine erstaunliche Bettschwere.
Und am nächsten Morgen ein Himmel, der sich komplett ausgeregnet - beziehungsweise ausgeschneit - hatte.

Der letzte Tag zeigte sich von seiner schönsten Seite. Kühler Morgen, strahlender Sonnenschein und endlich der Grenzübertritt nach Italien. Nach einer kurzen Rast auf der Bella-Vista-Hütte wäre es natürlich langweilig gewesen, einfach nur abzusteigen. Also nahmen wir noch schnell den 3.270 m hohen Gipfel "Im Hinteren Eis" mit. Weil Höhenmeter offenbar süchtig machen. Der Gipfel belohnte uns mit einer grandiosen Aussicht und dem guten Gefühl, dass der Abstieg nach Kurzras nun endgültig nicht mehr zu vermeiden war. Zirbe in Kurzras ein Muss. Von dort brachte uns schließlich der Bus nach Meran. 

Sieben Tage zuvor waren wir uns noch zum Teil fremd gewesen. Jetzt hatten wir gemeinsam Hitze, Gewitter, Muren, Schnee, Gletscherwasser, unzählige Höhenmeter, Blasen, Zirbenschnäpse, Pizza, Gulaschsuppe, Gitarrenlieder und jede Menge Gelächter erlebt. Besonders beeindruckend war dabei, dass zwischen dem jüngsten und dem ältesten Teilnehmer stolze 41 Jahre Altersunterschied lagen. Spätestens am Berg spielte das jedoch überhaupt keine Rolle mehr. Dort zählt nicht das Geburtsjahr, sondern Teamgeist, Humor und die Bereitschaft, dem anderen auch einmal den Vortritt zu gönnen. Am Ende erreichten alle glücklich Meran. Mit müden Beinen. Mit vielen neuen Geschichten. Mit noch mehr Fotos.

Und mit der festen Erkenntnis, dass eine Alpenüberquerung zwar sieben Tage dauert – die Erinnerungen daran aber vermutlich ein Leben lang.