Der anschließende Aufstieg zur Braunschweiger Hütte war mühsam, aber beeindruckend. Gewaltige Wassermassen schossen aus den Gletschern talwärts und erinnerten eindrucksvoll daran, welche Kräfte hier wirken. Nach einer ordentlichen Gulaschsuppe war allerdings noch lange nicht Schluss. Weiter ging es über das Rettenbachjoch. Dahinter machte sulziger Schnee den Abstieg zu einer Mischung aus Wandern, Rutschen und kontrolliertem Stolpern. Unten an der Bergsteigerkapelle angekommen fühlten sich die Beine bereits angenehm hohl an. Doch wer glaubt, jetzt sei Feierabend gewesen, kennt unsere Tourenleiterin nicht. Mit dem Bus ging es durch den Rosi-Mittermaier-Tunnel und anschließend über einen traumhaften Panoramaweg weiter nach Vent. Irgendwann hörte man auf, die Höhenmeter zu zählen oder auf die Uhr zu schauen... Eine Zirbe am Abend war diesmal keine Option mehr, sondern medizinisch dringend erforderlich. Die Pension Wildspitz entschädigte anschließend mit hervorragender Gastfreundschaft und ausreichend Betten für erschöpfte Bergsteiger.
Der Wetterbericht für den nächsten Tag war allerdings alles andere als einladend. Also wurde spontan umgeplant. Der Saykogel verschwand aus dem Programm und stattdessen ging es direkt hinauf zum Hochjochhospiz. Eigentlich wollten wir dort noch einen Gipfel mitnehmen. Eigentlich. Der Hüttenwirt betrachtete kurz den Himmel und sagte trocken: "Das wird heute nichts mehr." Wenn ein Hüttenwirt das sagt, diskutiert man nicht. Also taten wir das einzig Vernünftige:
Wir sangen.
Es wurde Gitarre gespielt.
Es wurde gespielt und gelacht.
Es wurden einige ausgesprochen köstliche Schnäpse verkostet.
Die Stimmung stieg ungefähr im gleichen Tempo wie draußen der Regen fiel.
Das Ergebnis war bemerkenswert: Eine ausgesprochen fröhliche Gruppe. Eine erstaunliche Bettschwere.
Und am nächsten Morgen ein Himmel, der sich komplett ausgeregnet - beziehungsweise ausgeschneit - hatte.
Der letzte Tag zeigte sich von seiner schönsten Seite. Kühler Morgen, strahlender Sonnenschein und endlich der Grenzübertritt nach Italien. Nach einer kurzen Rast auf der Bella-Vista-Hütte wäre es natürlich langweilig gewesen, einfach nur abzusteigen. Also nahmen wir noch schnell den 3.270 m hohen Gipfel "Im Hinteren Eis" mit. Weil Höhenmeter offenbar süchtig machen. Der Gipfel belohnte uns mit einer grandiosen Aussicht und dem guten Gefühl, dass der Abstieg nach Kurzras nun endgültig nicht mehr zu vermeiden war. Zirbe in Kurzras ein Muss. Von dort brachte uns schließlich der Bus nach Meran.
Sieben Tage zuvor waren wir uns noch zum Teil fremd gewesen. Jetzt hatten wir gemeinsam Hitze, Gewitter, Muren, Schnee, Gletscherwasser, unzählige Höhenmeter, Blasen, Zirbenschnäpse, Pizza, Gulaschsuppe, Gitarrenlieder und jede Menge Gelächter erlebt. Besonders beeindruckend war dabei, dass zwischen dem jüngsten und dem ältesten Teilnehmer stolze 41 Jahre Altersunterschied lagen. Spätestens am Berg spielte das jedoch überhaupt keine Rolle mehr. Dort zählt nicht das Geburtsjahr, sondern Teamgeist, Humor und die Bereitschaft, dem anderen auch einmal den Vortritt zu gönnen. Am Ende erreichten alle glücklich Meran. Mit müden Beinen. Mit vielen neuen Geschichten. Mit noch mehr Fotos.
Und mit der festen Erkenntnis, dass eine Alpenüberquerung zwar sieben Tage dauert – die Erinnerungen daran aber vermutlich ein Leben lang.